Marcel Reich-Ranicki

Das ich den guten Mann sehr mag, habe ich ja schon des Öfteren hier und auch an anderen Stellen bekundet. Dass, was ich da allerdings heute morgen, noch total verpennt und deshalb nur mit einem halben Ohr, wahr nahm, finde ich schier strikt fast  großartig. Allerdings konnte ich in meiner halben Bewusstlosigkeit die sich automatisiert an einem Sonntag Morgen gegen 8:30 Uhr über mich legt, nicht wissen WIE brillant das wohl wirklich sein würde.

Am Anfang hielten es alle für einen einstudierten Gag – doch Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki meinte es ernst und schrieb damit Fernsehgeschichte. Bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises in Köln weigerte er sich, den Ehrenpreis für sein Lebenswerk anzunehmen. Eigentlich war die Auszeichnung als krönender Abschluss eines Gala-Abends gedacht, an dem bereits Ehrungen in 21 Kategorien vergeben wurden.

MRR hat diesen Preis aufgrund der schlechten bis nicht mehr ertragbaren Lage des deutschen Fernsehens einfach “von sich geworfen, jemandem vor die Füße geworfen”, öffentlich abgelehnt. Er hat die Gelegenheit der medialen Präsenz genutzt und öffentlich darauf aufmerksam gemacht. Natürlich kann er das aufgrund seiner Popularität und seines Intellekts wegen bedeutend besser als beispielsweise ein nur dämlich glotzender Stephan-Raab-Zapfen namens Matthias Opdenhövel, aber irgendwie hätte ich solch einen Befreiungsschlag sonst auch niemandem zugetraut und natürlich auch nicht mit sowas gerechnet. Wer denkt vorher schon an solch einen Eklat im deutschen Fernsehen? Generell. Und natürlich wüsste ich normalerweise auch nicht mal, dass solch eine Verleihung überhaupt statt gefunden hat. Aber dafür gibt es ja eben Deutschland Radio in meinem Badezimmer, Sonntag morgen, 8:30 Uhr.

Großartig!

Marcel Reich-Ranicki lehnt Preis ab - ZDF Fernsehpreis

Respekt gebührt aber natürlich auch dem in meiner Gunst schon vor langer Zeit echt tief gefallenen HaRiBo-Männchen, Thomas Gottschalk, der die Situation wirklich grandios gerettet gemeistert hat.

Auf Welt.de gibt es die Rede im Wortlaut.

Marcel Reich-Ranicki: „Meine Damen und Herren, ich habe in meinem Leben, in den 50 Jahren in denen ich in Deutschland bin (…) viiieeele Literaturpreise bekommen, sehr viele, darunter auch die berühmten wie den Goethe-Preis, den Thomas-Mann-Preis – und einige andere. Und ich habe mich immer bedankt für diese Preise, wie es sich gehört. Und bitte verzeihen Sie mir, wenn ich offen rede. Es hat mir keine Schwierigkeiten bereitet, für die Preise zu danken.

Heute bin ich in einer ganz schlimmen Situation. Ich muss auf den Preis, den ich erhalten habe, irgendwie reagieren. Der Intendant Schächter sagte mir: „Bitte, bitte, bitte nicht zu hart! Ja, in der Tat. Ich möchte niemanden kränken. Niemanden beleidigen oder verletzen. Nein, das möchte ich nicht. Aber ich möchte auch ganz offen sagen: ,Ich nehme diesen Preis nicht an.`

Ich hätte das – werden Sie irgendwie denken und sagen – früher erklären sollen. Natürlich! Aber ich habe nicht gewusst, was hier auf mich wartet. Was ich hier erleben werde. Ich gehöre nicht in diese Reihe der heute – vielleicht sehr zu Recht – Preisgekrönten.

Wäre der Preis mit Geld verbunden, hätte ich das Geld zurückgegeben. Aber er ist ja nicht mit Geld verbunden, ich kann nur den Gegenstand (…) von mir werfen. Ich kann das nicht annehmen. (…) Nein, ich will Ihnen jetzt nicht sagen, ich will Bücher hören von Goethe oder Bertolt Brecht. Man kann im Arte-Programm manchmal sehr viele schöne und witzige Sachen sehen. (Applaus).

Ich habe auch früher wichtige Sendungen im 3sat-Programm gesehen. Aber das hat sich jetzt geändert. Meist kommen da schwache Sachen – aber nicht der Blödsinn, den wir hier zu sehen bekommen haben. Ich will nicht weiter darüber reden. Es sind ja auch Kollegen von mir hier auf der Bühne gewesen. Stefan Aust, Markwort (hustet) … „

Thomas Gottschalk: „Ein Vorschlag zur Güte: Ich finde, wir sollten uns rächen. Wir, die Intendanten von ZDF, ARD, RTL, wir setzen uns gemeinsam eine Stunde im Fernsehen hin. Wir stellen diesen Preis in die Ecke und reden über alles das, worüber man im Fernsehen nicht mehr redet. Über Bildung, über Lesen, über Erziehung.“

Reich-Ranicki: „Über Literatur!“

Gottschalk: „Über Literatur, zum Beispiel. Darf ich das sozusagen als ein Güteangebot … an ARD, ZDF. RTL bis … (Applaus), damit sozusagen Sie nicht mit leeren Händen nach Hause gehen. Wir können gerne zusammenschalten. ARD, ZDF – bitte einigt Euch. (…) Am Sonntagabend. Ich bereite mich gerne auf diese Veranstaltung vor. Ist das in Ordnung?“

Reich-Ranicki: „Jawooohl! Ich akzeptiere das. (…) Und ob wir beide (Applaus) …was der eine oder andere Intendant sagt: ‚Ihr habt ja Recht, aber das lässt sich nicht so einfach realisieren.’“

Gottschalk: „Sie haben den Ehrenpreis des Deutschen Fernsehens, Sie dürfen alles im Fernsehen – wenn Sie ihn nehmen. (Gelächter)“

Reich-Ranicki: „Jaaa, danke, ich werde ihn nehmen. Ich muss Ihnen bloß noch eine kurze Geschichte zum Abschluss erzählen. Aber wir haben uns ja geeinigt, und Gottschalk hat einen guten Vorschlag gemacht. Wollen wir sehen, was daraus wird.

Der große sowjetische Cellist Rostropowitsch wurde nach Salzburg eingeladen, da gab es noch die Sowjetunion. Und er kam zum ersten Mal nach Salzburg. Er spielte mit Herbert von Karajan als Chef der Wiener Philharmoniker, damals spielte Rostropowitsch das große Cello-Solo in ‚Don Quixot’ von Richard Strauss. Zum ersten Mal im Leben hat Karajan diesen Rostropowitsch überhaupt gesehen. Er kannte ihn nicht, aber (…) als Rostropowitsch fertig war (…), sagte Karajan ganz knapp: ,Herr Rostropowitsch, ab heute sagen wir zueinander Du.`

Und umarmte ihn. Und diesem Vorschlag folge ich.“ (Reich-Ranicki umarmt Gottschalk, Applaus, Hymne).

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